Bühnenduo. Einfach so. | Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens

Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens

31. März 2020

Gut ein Jahr nach Veröffentlichung des Buches „Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens“ habe ich es beim Buchhändler meines Vertrauens („Rombach“) bestellt und noch am selben Tag begonnen zu lesen.

Klappentext:
BEN SALOMO wurde 1977 unter dem bürgerlichen Namen Jonathan Kalmanovich in der israelischen Stadt Rechovot geboren. Im Alter von drei Jahren siedelte er gemeinsam mit seinen Eltern in das damalige Westberlin um. Hier hielt er Kontakt zur jüdischen Gemeinde und wuchs zugleich in den Hinterhöfen von Schöneberg unter arabischen und türkischen Migrant*innen auf.
1997 begann er, Hip-Hop-Musik zu machen. 
Acht Jahre hostete er auf Youtube die erfolgreiche Battle-Rap-Veranstaltung „Rap am Mittwoch“ mit rund 417 000 Abonnenten und über 112 Millionen Views. 
Im Mai 2018 gab er das Musikformat wegen der starken antisemitischen Tendenzen in der Deutschrap-Szene auf. Für sein Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus wurde ihm 2018 das Robert-Goldmann-Stipendium verliehen.

Schon beim Klappentext ploppen bei mir die Erinnerungen an die ECHO-Verleihung 2018 auf. An den Auftritt von Farid Bang und Kollegah. An die Kritik und die Reaktion von vielen Künstler*innen, von denen einige den Preis zurückgaben, woraufhin der ECHO sogar komplett eingestampft wurde.

Provokation als Stilmittel war und ist an vielen Stellen weiterhin gang und gäbe. Wo die Grenzen liegen oder liegen sollten, ist schwer zu sagen, schließlich gilt ja zuallererst die künstlerische Freiheit. Ist es also vor allem der eigene Geschmack, der die Grenzen zieht?

Die Tendenzen zu Gewalt und Drogen verherrlichenden, frauenfeindlichen und homophoben Texten in der Deutschrap-Szene haben zumindest mich mehr und mehr abgestoßen. Rassismus und Antisemitismus habe ich dabei nicht wahrgenommen, Ausgrenzung und Diskriminierung in unterschiedlichsten Formen allerdings schon. 

Die Geschichte von Jonathan Kalmanovich, wie Ben Salomo mit bürgerlichem Namen heißt, ist spannend, bewegt und immer wieder mit Anfeindungen und Diskriminierungen aufgrund seiner israelischen Herkunft verbunden. Als Jugendlicher lernt er schnell sich zu wehren und gleichzeitig zu seinen Wurzeln zu stehen. Dabei wird schnell klar, dass es Mut kostet, denn „Jude“ ist auf vielen Schulhöfen ein gängiges Schimpfwort.
„Ey, Jude, komm mal her“,hieß es regelmäßig zu Ben Salomo.

Viele schauten und hörten weg, wenn dumme Sprüche kamen oder spielten das Ganze herunter.

Solidarität und Unterstützung gab es kaum.

Beim Lesen erinnerte ich mich an eine bestimmte Zeit in meiner Kindheit.
In unserer Nachbarschaft lebte eine Familie aus Israel. Mit dem Älteren der beiden Geschwister habe ich viel Fußball gespielt und ein paar Runden „Worms“ gezockt.
Das war eine gute Zeit. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er aufgrund seiner Herkunft angegangen oder diskriminiert wurde. 
Doch weiß ich das mit Sicherheit? Natürlich nicht.
Für mich waren diese Fragen nach Religion und Herkunft völlig unbedeutend.
Darüber haben wir uns damals gar nicht unterhalten, was im Nachheinein betrachtet schade ist. Aber für mich war das Wichtigste, ob jemand in Ordnung war oder ein Arsch. 

Ben Salomo erzählt seine Geschichte authentisch, fesselnd und sehr direkt. Die Emotionalität und direkte Betroffenheit ist spürbar und gleichzeitig versucht er die Geschichten zu reflektieren und Verständnis zu zeigen. An manchen Stellen ist die Chronologie der Ereignisse etwas verwirrend dargestellt und ich musste ab und zu kurz überlegen, wo er sich zeitlich gerade befindet. Die Liebe zur Rap-Musik und der Hip-Hop-Kultur ist spürbar und spielt ein große Rolle seiner Biografie. 
Als Rapper und Veranstalter macht Ben Salomo sich über die Zeiteinen Namen. Doch auf und neben der Bühne erlebt er immer wieder einen offenen Antisemitismus, der ihn Abstand zu der Deutschrap-Szene nehmen lässt. Dabei steht insbesondere die Hip-Hop-Kultur ursprünglichfür Offenheit, Freundschaft, Respekt, Toleranz und Anerkennung.
So bemerkt er einen immer stärker werdenden Israel- und Judenhass und schreibt, „viele Juden fühlen sich in Deutschland und anderen europäischen Ländern vermehrt unsicher.“
Der Antisemitismus ist sichtbarer und salonfähig geworden.
Ben Salomo stellt Fragen, fordert heraus, möchte sensibilisieren und hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Insbesondere die Tendenzen in der Deutschrap-Szene werden angesprochen und ein Handeln gefordert.
„Deutschrap hören Millionen Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und sogar viele Menschen, die den Status des Jugendlichen längst hinter sich gelassen haben. Und damit dringen täglich ungefiltert hasserfüllte antisemitische ebenso wie homophobe, gewalt- und kriminalitätsverherrlichende oder frauenfeindliche Texte in die Gehirne von Millionen Menschen ein … Die Gefahr besteht darin, dass formbare Jugendliche all diese Klischees und Narrative nicht nur nachplappern, sondern in sich aufsaugen … und zu waschechten Antisemiten werden.“

Ben Salomo hat mich zum Nachdenken gebracht und meine Wahrnehmung geschärft.
Ich werde mit einigen Leuten über das Buch sprechen und Fragen stellen.
Zum Beispiel möchte ich den Freund aus der Nachbarschaft aus Kindertagen kontaktieren und ihn bei nächster Gelegenheit treffen und mit einer befreundeten Künstlerin darüber sprechen, welche Jüdin ist.

Der außergewöhnliche Weg von Ben Salomo als jüdischer Rapper in der Deutschrap-Szene ist eine spannende Biografie über Freundschaft, Erfolg, Enttäuschungen, die Liebe zur Rap-Musik, Identität und den Mut offen zu seiner Herkunft zu stehen.
Außerdem ist das Buch ein Aufruf, gegen die immer stärker werdenden Tendenzen anzugehen, kreativ zu werden, Vorurteile zu hinterfragen und Künstler*innen mit entsprechenden Inhalten keine Plattform mehr zu bieten. 

Weitere Informationen findet ihr unter: http://bensalomo.de/
Auf Youtube gibt es einige spannende Interviews und natürlich Musik.

Kindergarten Hassan 
Lektion:Als Jude wirst du angegriffen, nur weil du Jude bist, und wenn du angegriffen wirst, musst du dich wehren, um zu bestehen.

Football:
Trainer: Hier gibt es keine Deutschen, hier gibt es keine Türken, keine Araber, keine Juden, keine Ossis oder Wessis. Hier gibt es nur Berlin Adler, und unsere Farben sind Schwarz-Gelb.“

Mucke hören, Bong rauchen und rappen. Ich schrieb Texte, hing rum – das war jetzt endgültig meine Welt. 

Der magische Moment auf der Bühne. Ein unvergesslicher Abend.

Auf Deutsch denken, aber auf Hebräisch fühlen.