Bühnenduo. Einfach so. | Ein Brief an Corona

Ein Brief an Corona

28. März 2020

Liebe*r Corona,

als ich das erste Mal von dir gehört habe, musste ich direkt an „Fiesta Fiesta Mexicana“ und an das wunderbare Corona Bier denken. Manchmal ist so ein kleiner Gedanke da und plötzlich wird er in Sekundenschnelle ganz groß und es baut sich eine ganze Welt darum auf. 
So wie dieses Mal.
Die groß angelegte Werbekampagne vom deinem Bier hatte mich getroffen.
Davon war ich überzeugt. Es ging darum, deinen Namen irgendwie ins Spiel zu bringen und im Gespräch zu halten. Frei nach dem Motto: 
„Jede Presse ist gute Presse“.
Und es hatte ja funktioniert. Ich marschierte los, um mir aus Nostalgiegründen ein paar Fläschchen deines wundervollen Gebräus zuzuführen. Als ich den Getränkemarkt betrat, musste ich jedoch feststellen, dass das Bier, das deinen Namen trägt um 60% heruntergesetzt war. Da begann meine Gedankenwelt rund um deine Herrschaft in Zeiten des guten Geschmacks langsam den Rachen hinunter zu laufen und den Geschmack von Fahrradöl anzunehmen. 

Irgendwie war ich mit dieser Theorie auf den falschen Dampfer geraten.
Doch du gingst mir nicht mehr aus dem Kopf.
Wie auch, wenn man bedenkt, wie lange du mich schon begleitest.
Ich erinnerte mich an den Tag, als ich meinen neuen Laptop bekam, ihn anschaltete und schon gespannt auf Windows 10 gebannt auf den Bildschirm starrte.
Da hast du mich begrüßt. Zumindest in meiner Erinnerung trug die Sprachassistentin deinen Namen. Warum war es eigentlich eine Sprachassistentin? Wahrscheinlich hatte da mal wieder das Patriarchat seine Hände im Spiel, eine Assistentin ist ja schließlich günstiger. In unserer patriarchalen Gesellschaft werden Frauen ja selbstverständlich mit 21% weniger bezahlt. Und somit arbeiten viele Frauen bis zum 21. März, dem „Equal Pay Day“, quasi umsonst.
Also ist es doch nur ökonomisch verständlich, dass man bei Windows 10 eine Sprachassistentin angelegt und somit den Programmierer*innen 21% weniger Gehalt ausbezahlt hatte. Ganz ehrlich dieser ganze „Equal Pay Day“ gehört doch abgeschafft. Und zwar ohne wenn und aber. 
Und die Gehälter selbstverständlich angepasst. Und zwar ohne wenn und aber. 

Da braucht es doch keine Diskussion, Corona. 
So etwas ist doch selbstverständlich. 

Hach, jetzt hab ich mich wieder verloren – zurück zu dir. Als ichvor kurzemmeinen Laptop nämlich in den Aufzug stellte und hoch fuhr, entdeckte ich, dass die Sprachassistentin gar nicht deinen, sondern den Namen „Cortana“ trug. 
Cortana sollte die Nutzer*innen also in tiefgründige Gespräche verwickeln und möglichst freundlich Hilfestellung geben, nicht Corona. 
Und schon nahm der nächsten Gedankensprung Anlauf: 
„Cortana“ und „Corona“, das klang wie nach einem Dream-Team; „Bud Spencer & Terence Hill“, „Bonny & Clyde“, „Cortana & Corona.“

In der Realität jedenfallshast du dich jedoch zum schwarzen Schaf entwickelt und bist zu einem bösartigen Virus mutiert. Als ich das erste Mal gefragt wurde, ob ich auch den „Corona-Virus“ habe, wollte ich direkt bei meinem Schwager anrufen. Er ist nämlich Informatiker und hätte mir bei dem Problem sicherlich helfen und die Welt vor diesem bösartigen Virus retten können. Bestimmt hatte sich irgendein Hacker in einen der Großrechner eingeschlichen, um diesen Virus auf die Menschheit loszulassen und das Leben zum Erliegen zu bringen oder zumindest einzuschränken. In meinem Kopf türmten sich Gedanken über den Zusammenbruch der Börse, über riesige Mengen an Daten, welche nun irgendwo umherschwirren, damit wir mit personalisierter Werbung bombardiert und beglückt würden. Außerdem ging mir das Bild eines Geldautomaten, der das Geld völlig unkontrolliert ausspuckt, nicht mehr aus dem Kopf. Davon, wie die Scheine vom Wind durch die Straßen geweht werden.

Wenn ich dir so schreibe, versuche ich meinen Kopf im Gefrierfach zu kühlen, damit er nicht zu heiß wird und ich mir die Hand verbrenne, wenn ich mir an die Stirn fasse.
Denn dann heißt es: „Oh mein Gott, Sie müssen ins Krankenhaus, das ist Corona.“
Vor Schreck würde ich meine Zunge verschlucken und einen fürchterlichen Hustenanfall bekommen, sodass alle umstehenden Personen ihren aufgespannten Regenschirm in meine Richtung hielten, um sich zu schützen.

Ja, du treibst es ganz schön bunt, Corona. 
Dabei hast du mich schon einige Kilometer durch die Weltgeschichte gefahren. Wusstest du das?
Mein sehr verehrter Drahtesel von der Marke Peugeot trägt nämlich ebenfalls deinen Namen. Ist das nicht Ironie des Schicksals? Du bist schon seit einigen Jahren an meiner Seite und nie hat sich jemand für dich interessiert. 
Muss mein Drahtesel nun wegen seinem Namen in Quarantäne?
Ist es das, was du willst?

Sprichst du überhaupt noch mit mir … Wo du jetzt so berühmt bist?
Du bestimmst die Schlagzeilen. Du bist im Fernsehen, im Radio, im Internet – einfach überall präsent. Du bist selbst nicht künstlerisch aktiv und gleichzeitig hast du eine ganz eigene Kunstsparte gegründet – die „Corona-Kunst“.
Unter dem #Coronakunst finden sich mehr und mehr Beiträge.
Sogar eine Pantomime Nummer wurde von dir inspiriert.
Kabarett, Comedy, Poetry Slam – du bist überall im Gespräch und wirst auf unterschiedlichste Weise behandelt.

Wie bekommt dir diese ganze Aufmerksamkeit?
Ich würde dich gerne auf ein Bier treffen und mit dir über die Zukunft und deinen Einfluss sprechen. Am besten ich besorge vorher ein Six-Pack vom reduzierten Corona Bier, bringe meinen Laptop mit, wir unterhalten uns mit Cortana und dann fahre ich mit meinem Drahtesel „Corona“ von Peugeot nach Hause und schaue mir Videos über dich an. Das wird bestimmt spannend.

Bis dahin, Ansgar 

P.S.: hier habe ich noch ein paar Beispiele für den #Coronakunst

Edgar Wasser – Hypochonder

Das Lumpenpack – Coronalied

Katalyn Hühnerfeld – Corona Maßnahmen Comedy Pantomime

Helge Thun – The Magic Way of Hand Washing

LGoony feat. Hazel – Song zum Händewaschen

Es gibt bestimmt noch mehr … Immer her damit und kommentieren und #Coronakunst verlinken.